Was ist Stress?

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Stress?

S

tress ist zu einem festen und unumgänglichen Bestandteil unseres Alltags geworden. Zum ersten Mal tritt er in unserer Schulzeit in unser Leben, meist vor entscheidenden Prüfungen, oder sobald wir zu einem unangekündigten mündlichen Test an die Tafel gerufen werden. Doch dabei bleibt es oft nicht. Heutzutage ist es nicht unüblich, dass wir durch Freunde, Familie und Hobbies so eingespannt werden, dass wir bereits mit 15 unseren ersten Terminkalender kaufen müssen.

 

Der Begriff von positivem Stress mag erst einmal paradox klingen. Jedoch erleben wir täglich positiven Stress, nur nehmen wir ihn dann schlicht und ergreifend nicht als Stress wahr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer so zeitig wie wir mit Stress in Berührung kommt, der nimmt schnell an, dass das Leben oft stressig ist. Ja, stressig sein muss. Aber ist das wirklich so? Und was ist Stress überhaupt und ist er automatisch schlecht?
Die Frage danach, was Stress ist, ist keineswegs nur eine kleinliche Definition. Stress im allgemeinen zu verstehen, ist der erste Schritt, seinen eigenen Stress zu verstehen und ihn somit die Kontrolle über ihn zu gewinnen.


Aber bevor wir schauen, was Stress ist, machen wir eine kurze Zeitreise in das Jahr 1936.
Hier beginnt die Geschichte unseres Stress. Der kanadische Arzt Hans Selye war der erste, der Stress als Phänomen beobachtete und in seinen Forschungen beschrieb. Seine Beobachtungen begründete mit der Stressforschung nicht nur ein komplett neues Feld der Medizin, es sollte auch unser heutiges Leben entscheidend prägen.
Die von ihm beschriebene Definition von Stress klingt ganz und gar nicht, was wir heute unter Stress verstehen. Er beschrieb Stress als körperliche Reaktion auf belastende innere oder äußere Reize, eine Definition, die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat.
In eine verständliche Sprache übersetzt, bedeutet dies, dass Stress nichts weiter ist als die Reaktion unseres Körpers auf Belastung. Unabhängig, ob diese Belastung von innen oder außen kommt.
Wenn Ärzte von inneren Reizen sprechen, dann meinen sie Reize, die in uns entstehen. Hierzu gehören zum Beispiel Gedanken, aber auch Emotionen wie Freude, Furcht oder Angst. Sie entstehen zwar in uns, wirken aber gleichzeitig wieder auf uns ein.


Äußere Reize sind hingegen Signale, welche wir von der Außenwelt empfangen. Das klassische Beispiel hierfür ist das plötzliche Auftauchen einer Gefahrensituation, wie beim Auftauchen eines Raubtieres, dass es auf uns abgesehen hat.
Reize lösen jedoch nicht zwingend Stress aus. Ganz im Gegenteil. Jede Sekunden strömen unzählbare Reize auf uns ein, ohne, dass wir dadurch Stress empfinden. Ob ein Reiz als Belastung wahrgenommen wird, liegt in der Bewertung durch unser Gehirn.
Unser unterbewusster Verstand filtert sowohl innere als auch äußere Reize und reagiert erst, wenn er glaubt, dass unsere Bewusstsein einschreiten muss. Dies passiert, wenn unsere Unterbewusstsein zum Beispiel Gefahrensituationen erkennt oder innere Reize spürt, die extremer als das alltägliche Grundrauschen unseres Hirns ist.


Diese Reize werden in der Fachsprache „Stressoren“ genannt und signalisieren unserem Verstand, dass sich unsere Umwelt verändert hat und wir einer Belastung ausgesetzt sind.
Belastungen stellen eine Gefahr für uns dar, da sie unser Leben gefährden können. Um dies zu verhindern, reagiert unser Körper. Und diese Reaktion bezeichnen wir als Stress, etwas, dass nicht nur Menschen empfinden, sondern auch Tiere und sogar Pflanzen.
Stress scheint oft wie ein unvermeidbarer Teil des Lebens, was seine wahre Bedeutung jedoch unterschätzt. Denn Stress ist weitaus mehr als bloß ein Teil unseres Lebens. Er ist ein entscheidender Teil unseres Überlebens.


Die wissenschaftliche Definition von Stress hat wenig mit dem zu tun, was normale Menschen unter Stress verstehen. Wenn wir uns mit unserem Arbeitskollegen über Stress unterhalten, dann meinen wir nicht etwa unsere Reaktion auf Veränderung. Vielmehr meinen wir Leistungsdruck, näher rückende Deadlines und einen straff organisierten Terminkalender mit wenig Pausen.
Wenn wir von Stress sprechen, dann meinen wir negativen Stress. Dieser negative Stress wird von der Wissenschaft als Distress bezeichnet. Und wo es negativen Stress gibt, muss es auch positiven Stress geben. Den sogenannten Eustress.
Ob wir Stress als gut oder schlecht wahrnehmen, hängt von seiner Dauer und Intensität ab und auch, ob wir ihm uns freiwillig aussetzen.

Der Begriff von positivem Stress mag erst einmal paradox klingen. Jedoch erleben wir täglich positiven Stress, nur nehmen wir ihn dann schlicht und ergreifend nicht als Stress wahr. Vielmehr sind wir aufgeregt, vorfreudig oder anderweitig positiv erregt.
Stress ist jedoch weitaus mehr als einfach ein gutes oder schlechtes Gefühl. Stress ist eine komplexe körperliche und geistige Reaktion.


Nehmen wir ein Beispiel. Du fährst auf der Autobahn und vor dir schert plötzlich ein LKW aus. Eine gefährliche Situation in der du Stress erfährst.
Im Moment als der LKW in deinem Blickfeld auftaucht, registriert dein Gehirn eine gefährliche Veränderung, auf die du reagieren musst. Eine Belastungssituation. Dein lymbisches System feuert blitzschnell Neuronen ab, die dafür sorgen, dass dein Körper Noradrenalin ausschüttet, ein Hormon, dass deine Herzfrequenz in die Höhe schnellen lässt. Deine Muskeln spannen sich an, deine Pupillen weiten sich und dein Verdauungsprozess wird heruntergefahren. Dies geschieht, damit dein Körper zu 100% auf die plötzlich aufgetauchte Gefahr reagieren kann.


Du siehst schärfer, dein Körper gerät schneller in Bewegung und deine heruntergefahrene Verdauung gibt Energie frei, die dein Körper dazu nutzt, um dein Überleben zu sichern. Du reagierst und trittst auf die Bremse.
Diese Reaktion ist ein über Hundertausende Jahre optimierter Prozess der sich in wenigen Bruchteilen einer Sekunde abspielt. Experten bezeichnen dies als Fight- or-Flight Reflex, da er unseren Vorfahren ermöglicht hat, in einer rauen Umwelt voller Raubtiere und Gefahren optimal zu reagieren.
Durch das Abfeuern der Neuronen werden neue Verbindungen in deinem Gehirn gebildet, die es erlauben, dass dein Körper in ähnlichen Situationen in der Zukunft, noch schneller reagieren kann.


Ist die Gefahrensituation überstanden, lässt auch der Stress nach. Die Pupillen verengen sich wieder, die Muskelanspannung lässt nach und dein Herzschlag normalisiert sich.
Ob Stress positiv oder negativ ist, hängt davon ab, wie wir ihn empfinden. Dies ist nicht nur von den beschriebenen Faktoren Intensität, Dauer und Freiwilligkeit abhängig, sondern auch von unserem allgemeinen Zustand und unsere persönlichen Einstellung.

Was für den einen negativer Stress ist, kann für den anderen positiver Stress sein. Ein Marathon ist für einen Hochleistungssportler positiver Stress, während er für viele andere eine negative Belastung darstellen würde.
Die individuelle Bewertung macht es schwierig, pauschal zu sagen, ob Stress negativ oder positiv ist. Jedoch lässt sich als Faustregel festhalten, dass wir Stress als negativ wahrnehmen, wenn er zu intensiv ist, zu lang andauert und unfreiwillig entsteht.
Was passiert aber bei negativem Stress? Wie zum Beispiel dem Stress, den wir bei steigender Arbeitsbelastung spüren?


Stress auf dervArbeit lässt sich nicht mit der Gefahr eines ausscherenden LKW bei 190 km/h auf der Autobahn vergleichen, die körperliche Reaktion ist aber ähnlich.
Stress auf Arbeit ist weniger intensiv, dafür dauert er länger an und entsteht oft unfreiwillig. Hält der Stress, die Notwendigkeit sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen, länger an, aktiviert sich dein Hypothalamus und dein Körper beginnt, das Stresshormon Cortisol auszuschütten.


Durch das Ausschütten von Cortisol stellt dein Körper sicher, dass sich die typischen Stressreaktionen wie erhöhter Herzschlag, erhöhter Blutdruck, verringerte Immunabwehr usw. nicht wieder normalisieren. Denn schließlich will dein Verstand, dass du optimal auf die vermeintliche Gefahr reagieren kannst.
An diesem Punkt wird deutlich, wo das Problem von Stress, insbesondere in unsere heutigen Zeit liegt. Auf Arbeit, in der Schule oder in unserem Alltag sind wir nur noch selten wirklichen Gefahren ausgesetzt. Dennoch geraten wir in Situationen, die von uns verlangen, dass wir uns anpassen. Egal ob auf Arbeit, beim Streit mit unserem Partner oder Druck, der von außen auf uns einwirkt. Unser Gehirn wittert Gefahr und nutzt Stress, damit wir diese Gefahr bewältigen können.


Über einen kurzen Zeitraum ist dies nicht nur unbedenklich, sondern sogar nützlich. Stress fordert uns, stärkt uns und hilft uns, uns weiterzuentwickeln. Drei Wochen Stress im Büro können uns helfen unsere Grenzen auszuweiten, zu lernen und zu wachsen.
Hält der Stress jedoch für längere Zeit an, so wie es bei 60% der erwachsenen Deutschen der Fall ist, dann bleibt dies nicht ohne Folgen.

 

Bei andauerndem oder zu intensivem Stress, befindet sich unser Körper in einem extremen Alarmzustand. Unsere Muskeln sind verspannt, der Blutdruck erhöht und unser Immunsystem läuft auf Sparflamme. Diese Vorgänge helfen uns in kurzen Zeitraum effizienter zu reagieren, über einen längeren Zeitraum nutzen sie jedoch unseren Körper ab.
Diese Abnutzungen sorgen dafür, dass wir anfälliger gegenüber Infektionen sind, erhöhen das Risiko von tödlichen Krankheiten wie einen Herzinfarkt zu erleiden.


Stress ist ein Mechanismus der uns bei unserer Entwicklung hilft und so Grundlage unseres Lebens und Überlebens ist. Doch nur, wenn er in ihn in gesunden Dosierungen erleben. Wird unfreiwilliger (und in einigen Fällen auch freiwilliger) Stress zu intensiv oder hält zu lange an, dann tut er genau das Gegenteil. Er belastet unseren Verstand und unseren Körper und reduziert somit nicht nur unsere Lebensqualität, sondern stellt auch eine Bedrohung für unsere Gesundheit dar.


Heute gilt negativer Stress als einer der größten Risikofaktoren für Herzerkrankungen, die zu den häufigsten Todesursachen in der westlichen Welt gelten. Sicher hat Hans Selye niemals ahnen können, welche Bedeutung seine Entdeckung für das Leben im 21. Jahrhundert haben würde. Doch auch wenn wir Stress heute als Gefahr sehen, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass Stress eben nicht zwingend schlecht ist. Er wird es erst, wenn wir die Kontrolle über ihn verlieren.
Und genau diese Erkenntnis ist der erster Schritt auf dem Weg hin zu einem Leben mit weniger Stress.

Weitere Beiträge